Hinter den Kulissen
Kostümbildnerin Kaja Busch im Interview mit Dramaturgin Daniela Guse
DG: Was macht dein Kostümbild für „Der Besuch der alten Dame“ besonders?
KB: Ich glaube, der Gedanke, der Lily (Regie) und mich in der Konzeption beschäftigt hat, war das Spiel mit der Wahrnehmung und der Erwartbarkeit von Momenten im Stück, aber auch von Momenten in der Kleidung. Ich habe mich viel an alltäglicher Kleidung abgearbeitet und mit den damit verbundenen Erwartungen gespielt. Was ist das Hemd, was die Hose. Was sind die Haare, was ist das Gesicht. Das es auch in Richtung Verfremdung der Körperwahrnehmung geht.
DG: Wie genau spielst du mit der Wahrnehmung?
KB: Mit Trompe-Lœil-Effekten oder mit der Veränderung der Oberflächen der Kleidungsstücke. Es sind schon klassische Kleidungsstücke, aber durch ihre Oberfläche sind sie so verändert, dass man erst auf den zweiten Blick erkennt, dass es etwas ganz anderes ist.
DG: Im Stück besteht Claire Zachanassian aus vielen Prothesen. Wie löst du das in deinem Kostümentwurf?
KB: Da spielen wir auch mit der Körperwahrnehmung. Es gibt verschiedene Perücken, Masken und Kleidungsstücke, die verschiedene Stadien der Zersetzung des Körpers darstellen. Die Prothesen werden bei uns zu ihren Kleidungsstücken und gar nicht zu ihrem Körper selbst.
DG: Kannst du die Perücken noch etwas genauer beschreiben?
KB: Die Perücken spielen eine große Rolle im Kostümbild. Fast jede Rolle im Stück hat eine Perücke oder Kopfbedeckung, die mit den Haaren der Schauspieler:innen zusammenwächst. Die gesellschaftliche Funktion, die durch diese Hauben, Mützen oder Hüte ausgedrückt wird, verschmilzt mit dem Körper. Ich will damit zeigen, dass diese Menschen in Güllen, die zwischen der Armut und dieser Entscheidung, mit der sie Claire konfrontiert, stehen, nicht mehr so ganz in der Lage sind ihre Haare so zu frisieren, wie die gesellschaftlichen Standards und Normen, das vielleicht vorgeben.
DG: Man könnte also sagen, dass dein Kostümentwurf auch eine Visualisierung vom des Verfalls von Güllen ist.
KB: Ja, es ist eine Visualisierung des Verfalls, aber es ist auch eine Visualisierung davon, wie einfach es für uns heute in unsere Gesellschaft geworden ist, einen Verfall und einen vermeidlichen gesellschaftlichen Abstieg durch die Kleidung zu vertuschen. Es geht darum offen zu legen, was man durch solche Oberflächlichkeiten verbergen kann. Hinter der schönen Fassade stecken am Ende gar nicht Wohlstand oder Aufrichtigkeit. Ich will unsere Wahrnehmung von dem, was wir als eklig oder schambehaftet wahrnehmen in Frage stellen.